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(Ulrike Böhm im Leipzige-Almanach (Kulturtagebuch 3.3.2010)

Neuentdeckungen im Figurentheater

“Expeditionen” – unter diesem Titel will der Westflügel in Zukunft Arbeiten junger Figurenspieler präsentieren. Dass das eine spannende Angelegenheit ist, konnte man am 19. und 20. Februar 2010 vor Ort erleben. Junge Künstler des Studiengangs Figurentheater der Stuttgarter Hochschule für Darstellende Kunst und Musik, des Studienfachs Puppenspiel der Hochschule für Schauspielkunst “Ernst Busch” Berlin (Doll-y, Der Gruftwächter) sowie der Hochschule der Künste Bern (Haut # 2) zeigten ihre Werke. Lang sollte der Abend werden: Der Westflügel war ausverkauft, sogar auf den ungepolsterten Treppenstufen wurde Platz genommen.

Haut # 2 nannten Florian Feisel und Lisa Seidel-Kukuk ihr Projekt, das sie im Rahmen des Masterstudiengangs Theater der Hochschule der Künste Bern erarbeiteten. Auf der Bühne stehen eine flache Plastikschüssel und ein Laptop. Am Boden zwei linke Hände (mit Unterarmen), ein Gesicht, ein flacher Bauch, zwei linke Beine stehen herum. Ein weiteres Bein, bei dem man nicht erkennen kann, ob es ein rechtes oder ein linkes ist. Das Geräusch kommt von irgendwoher, eine Art surrealer Herzschlag. Lisa betritt das Theater, einen dampfenden Wasserkessel in der Hand und die Fernbedienung für den Laptop in der Tasche. Ein entsprechender Knopfdruck entlockt dem Computer eine Melodie, der Wasserkessel wird in die Plastikschüssel entleert. In dieser befindet sich, so lernt das Publikum jetzt, die zweite Haut der Darstellerin. Beliebig kann sie ihre Körperoberfläche darin abformen, Headline Nr. 4 des Stücks (szenische Bildhauerei am eigenen Körper) bekommt einen völlig neuen Sinn, wenn Lisa ihr Gesicht in den heißen Kunststoff presst. Es folgt der Tanz, das Aus-der-Haut und In-die-Haut-Fahren, jedem Stück Haut wird eine neue Melodie aus dem Computer zugeordnet. Dann die experimentelle Phase: Passt das Gesicht auf den Busen? Oder auf den Bauch? Vielleicht Busen und Bauch zusammen auf das Bein? Nein? Wo kann man die linke Hand unterbringen? Das Stück ist ästhetisch ansprechend und stellt einen angenehmen Ausklang des langen Abends dar. Lisas anmutiger Tanz hat mit dem, was man landläufig mit Aus-der-Haut-Fahren verbindet, nichts zu tun. Schließlich greift sie sich den Wasserkessel und verlässt das Theater.

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